Dienstag, 22. Februar 2011
Buch-Rezension: DER MENSCHENMACHER (Thriller), von Cody McFadyen
Damit ich mich auch selbst noch an die letzten beiden Nächte (eine davon auswärts, in Bad Münstereifel, um genau zu sein) erinnere, erledige ich mit diesem BLOG Eintrag gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. 1) Ich lasse mal wieder kurz was von mir "hören" (lesen) und 2) ich schreibe über ein Buch, einen Psychothriller, der es mir besonders angetan hat und den ich allen Thriller-Fans empfehlen möchte:

DER MENSCHENMACHER, von Cody McFadyen

Bild-Quelle: http://www.luebbe.de/
Bastei Lübbe
Hardcover, 605 Seiten
Ersterscheinung: 18.02.2011
ISBN: 978-3-7857-2407-1

Klappentext:
David lebt mit zwei anderen Kindern bei einem Mann, den sie Vater nennen. Der Mann hält sie gefangen und stellt ihnen unmögliche Prüfungen, an denen sie wachsen sollen – "evolvieren", wie er sagt. Wenn sie versagen, wird Vater sehr böse. Oft benutzt er einen Gürtel, manchmal eine Zigarette. Den Kinder bleibt keine Wahl: Wenn sie überleben wollen, müssen sie Vater töten.
Zwanzig Jahre später. David ist ein erfolgreicher Autor. Doch noch immer träumt er jede Nacht von dem schrecklichen Mord, den sie begangen haben. Eines Tages erhält er einen Brief mit einem einzigen Wort:
Evolviere.
Vater ist vielleicht doch nicht tot. Die Vergangenheit kehrt zurück. Und mit ihr eine schreckliche Wahrheit.



Meine Bewertung

Der beste McFadyen. Gefühls- und Gruselachterbahn GARANTIERT.

Eigentlich wollte ich nur kurz in den MENSCHENMACHER hinein lesen und dann ein anderes Buch weiterlesen, doch das war nach dem ersten Dutzend Seiten unmöglich. Dieser Stoff fesselt so ungemein und so anders, als alle anderen bisherigen Bücher von Cody McFadyen, dass ich bass erstaunt bin. Hier gibt es keine smarte schicksalsgebeutelte FBI Ermittlerin im Mittelpunkt, sondern - wenn ich im Nachhinein ein Resümee ziehe - Kinder. Genauer gesagt die Schicksale von Kindern.

Da wäre zum ersten der (1974) noch kleine Junge namens David Rhodes, der seine Mommy über alles liebt. Cody McFadyen zeichnet auf wenigen Seiten eine so ungemein liebevolle herzerwärmende Mutter-Sohn-Beziehung, dass man vor Rührung am liebsten weinen möchte --- doch dieses Gefühl dauert nicht lange, dann ist die Idylle mit einem Schlag zu Ende und der Autor reißt mir, so wie dem kleinen David das Herz heraus!!! Und das ist erst der Anfang dieser Gefühls- und Gruselachterbahn!

Der nächste Schauplatz: Kambodscha. Dort lernen wir Charlie kennen, der gerade im Begriff ist in einem Bordell in dem Kinder missbraucht werden, alle Beteiligten an dieser ungemeinen Schweinerei ins Jenseits zu befördern. Charlie ist der ist der Stiefbruder von David und Charlie ist von Beruf Totmacher. So sagt er jedenfalls selbst über sich.

Diese beiden Jungs und Ally, sie ist das dritte Kind im Bunde, wurden von einem Stiefvater aufgezogen, der menschenverachtende brutale gewalttätige übelkeiterregende Erziehungsmaßnahmen an seinen Kindern ausübte um die Kinder zu ÜBERMENSCHEN, zu erziehen. Ich verrate jetzt ja auch nichts, was dem Leser die Spannung nimmt, weil es steht in jedem Klappentext: Die drei Kinder ermorden schließlich diese Bestie von Vater...

... (zwan)zig Jahre später werden die drei - nachdem sich ihre Wege übrigens getrennt haben - von der Vergangenheit eingeholt. Nicht nur die Botschaft, die die drei anonym, aber zeitgleich, übermittelt bekommen, lassen einem die Haare zu Berge stehen, nein, es ist schlimmer: Es sind weitere Menschenleben in Gefahr. --- Soweit zur Handlung...


Jetzt zu meiner Begeisterung für diesen eigentlich doch so schockierend grauenhaften Stoff:
Ich möchte diesmal ein paar Worte zum Schreib und Sprach-Stil des Autors verlieren. Ich war schlichtweg begeistert von dem erzählerischen, meinetwegen schriftstellerischen Talent, das Cody McFadyen hier präsentiert. Er malt in wenigen Sätzen ohne den übermäßigen Gebrauch von Adverbien Szenen und Bilder in meinen Kopf, die einfach haften bleiben. Glasklar und tutto kompletto ausgestattet mit den entsprechenden Gefühlen. Damit meine ich jetzt - dem "horrormäßigen" Stoff entsprechend - nicht Mord-, Folter- oder sonstige Grusel-Szenen, dabei spreche ich zum Beispiel schon einmal auf den Einstieg an, als David noch bei seiner Mutter lebt und No-Money (Kein-Geld) das Sagen hat. Es zerreißt einem bald das Herz vor Rührung. Wie oben jedoch erwähnt: Selbiges wird einem dann in einem Atemzug, quasi mitten in einem Satz herausgerissen. Ich werde diese Szene mein Leben lang nicht vergessen, so sehr hat sie sich eingebrannt.
Und dann geht es weiter mit David. Der seine Vergangenheit nutzt um daraus auf wunderbare Weise Kapital zu schlagen. (Welche Grauenhafte zweite Komponente dann im Hintergrund noch eine Rolle spielt, erfährt man zunächst ja nicht.)
Die Art und Weise wie sich dieser David ausdrückt ist gefällt mir wahnsinnig gut. Er malt mit Metaphern messerscharfe Situations-Bilder, und notiert alle seine klugen Gedanken. Irgendwie meine ich manchmal mich in einer Erzählung von Stephen King zu befinden.

Cody McFadyens Story ist übrigens zutiefst amerikanisch, doch durch die Abwesenheit dieser überzogenen superintelligenten-Über-Ermittler, die so gerne selbst einen großen Raum der Handlung einnehmen, wirkt sie erfrischend anders und zum Glück nicht, wie der x-te Aufguss von Tess Gerritssen, Jilliane Hoffman oder wie die da alle heißen.
Und was mir noch auffiel: Die Religion spielt in diesem Roman eine wesentliche Rolle. Nicht im positiven Sinn. Ich empfinde DER MENSCHENMACHER eher als eine Art Abrechnung mit der dieser Art Bigotterie, wie wir sie dem amerikanischen Volk so gerne nachsagen. Auf der einen Seite wird gebetet und Gott gepriesen und zu Hause werden Frau und Kind geschändet. (Dass das alles nur nicht nach außen hin bekannt wird, dann ist und bleibt man ein guter angesehener Bürger!) Keine Ahnung, ob McFadyen hier ein Klischee malen wollte, ich finde es jedenfalls sehr gut gemacht, wie er gerade die Motive des Bösen in der Geschichte immer wieder mit Religion in Zusammenhang bringt. Und mit Friedrich Nietzsche, der dem üblen Möchtegern-Menschenmacher überhaupt mit seinen Konzepten, z.B. über den Übermenschen, eine Menge Leitlinien an die Hand gegeben hat.

Überhaupt, wenn ich bei den Motiven bin, --- bitte, keine Angst: Da verrate ich freilich nichts! --- aber ich wollte sagen: Wow! Man hat freilich eine dunkle Ahnung", aber am Ende? - WOW!

DER MENSCHENMACHER wird übrigens in mehreren Zeitebenen erzählt und aus der Sicht verschiedener Personen. Rückblenden tauchen oftmals unvermittelt im Fluss auf. Gegen Ende wird noch eine etwas übertrieben wirkende Hemingway-Hommage in die Story eingepasst. Das war einerseits hart an der Grenze des Glaubhaften, aber wer wird schon anfangen bei so einem unglaublichen Psychohorror-Stück mit Plausibilität zu argumentieren? Eben... Als Stilmittel war es okay, aber als Hilfsmittel um zur Auflösung beizutragen, fand ich das eher übertrieben. (Obwohl sich diese Hemingway-Sache ausgezeichnet las. Ich mag das: Geschichten-in-Geschichten-Büchern...)
So wie ich es - um zum Schluss meines Plädoyers zu gelangen - mag, wenn jemand eine gute Geschichte zu erzählen weiß.
Cody McFadyedn kann das.
Meines Erachtens jedenfalls.

Entscheidet bitte selbst, aber wenn ihr mich fragt:

Ich finde, das war bei weitem der BESTE Cody McFadyen!


PS: Nichts gegen Smoky Barrett, die kommt sicher auch bald wieder zu ehren, aber so was wie den MENSCHENMACHER, einen für sich abgeschlossenen blutigen Horror-Psychothriller, würde ich jederzeit wieder lesen.



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